Friday, March 14, 2014

Krems statt Kairo...

Seit ich an der Donau-Universität Krems arbeite, tut sich in diesem Blog nicht mehr viel. Das hat leider auch damit zu tun, dass ich nicht mehr oft nach Kairo komme...

Ich blogge nun auch über ein ganz anderes Thema ("Getting started with Mahara") und zur Abwechslung nicht auf blogger.com, sondern auf mahara.at. Für alle, die sich lieber auf Deutsch auf meine (Arbeits-)Abenteuer informieren, gibt es den Newsletter meines Departments (Dept. für Interaktive Medien und Bildungstechnologien), in dem es auch immer wieder um unsere E-Portfolio-Projekte geht - und da bin ich dabei.

Aber eines Tages wird es auch wieder Kairo-Berichte hier geben, hoffe ich jedenfalls. Ägypten-Fans empfehle ich einstweilen die Facebook-Seite von Egyptdesertguide und einen recht spannenden Artikel zur Liebe in Ägypten aus der Wiener Zeitung.

Wednesday, January 30, 2013

Selbstbilder und Fremdbilder der Kulturen


Selbstbilder und Fremdbilder der Kulturen
(veröffentlicht 2007)
Interkultureller Dialog und (Kultur-)Kommunikation sind davon mitbestimmt und bestimmen es immer wieder neu: Das Bild, das eine Kultur von sich selbst hat, das vielfach einem Identifikationsmuster gleichkommt und damit auch Identität bedeutet, und das Fremdbild, das Image einer Kultur, das Bild also, dass sich die anderen von ihr machen.

National- und andere Kulturen
Was aber ist Kultur, was kulturelle Identität? Zu einfach wäre es, Kulturen nur als Nationalkulturen zu betrachten, dennoch ist gerade das Konzept der Nationalkultur identitätsstiftend.
Üblicherweise steht nationale Identität für einen Grundkonsens, eine kulturelle Homogenisierung etwa durch eine Nationalsprache oder -religion. Nationalkulturen streben Deckungsgleichheit für Kultur und Staatswesen an. Nationalkulturen versuchen, auch verschiedenartigste Mitglieder einer Gemeinschaft als Angehörige desselben Kulturkreises zu präsentieren. Damit kann man ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen, darin liegt aber auch die Gefahr einer Grenzziehung durch Kultur, einer Ausgrenzung des Fremden.
Wenn man versucht, die Kulturdefinitionen auf größere Räume als eine Nation anzuwenden, ergeben sich eine Reihe von positiven Möglichkeiten und Utopien, aber manchmal auch schiefe, unhaltbare Gegenüberstellungen wie „Der Islam und der Westen“ – als gäbe es im Westen keinen Islam (und im Osten keine anderen religiösen Gruppen).

Multiple Identitäten
Multiple Identitäten schließen eine nationale Identität ein. So schreiben die AutorInnen einer im Oktober 1996 veröffentlichten Studie zur Demographie der Europäischen Identität in der Einleitung:
“Contrary to common belief, the development of a European identity does not have to be accompanied by the decline of a national identity. Rather, European integration has established a new context that people can identify with and hence, opens up the possibility of multiple identities.”
Insgesamt identifizieren sich in Europa immer mehr Menschen sowohl mit ihrer Nation als auch als EuropäerInnen. Sie gehören zusätzlich verschiedenen Religionen an, definieren sich vielleicht außerdem noch als Intellektuelle oder haben einen Freundeskreis, der zu einem Gutteil aus Internet-Bekanntschaften aus aller Welt besteht. Auch eine solche „Community“ schafft sich ihre kulturellen Zugehörigkeiten und stellt einen Teil der Identität des Individuums dar.
Der arabische Raum wird einerseits durch die Sprache und andererseits durch die islamische Kultur geeint. Dennoch gibt es auch andere religiöse Kulturen, und das Selbstbild der Ägypter ist – anders als das vieler anderer arabischer Länder -wesentlich stärker durch Kultur geprägt als durch Wirtschaft.

Selbstbilder, Identität, Mythen
Das Thema Identität, das durch das Selbstbild bestimmt wird, lässt sich wieder am leichtesten anhand der Nationalkulturen betrachten – anhand von Österreich und Ägypten als Beispiel.
Durch den „Habsburgischen Mythos“ (die Habsburgermonarchie war ein multikultureller Vielvölkerstaat) hat Österreich vielleicht einen Startvorteil, wenn es ums Denken in multiplen Identitäten geht. Da Österreich und die ÖsterreicherInnen schon immer gut darin waren, Widersprüche auszuhalten, gibt es zusätzlich aber etwas wie eine Mentalität des „Mir san Mir“ (hochdeutsch: „Wir sind wir“), die sich weniger gut erklären lässt und österreichische Weltbürger und Intellektuelle manchmal etwas weniger stolz auf sein Land sein lässt.
Auch die ägyptische Identität stützt sich (wie jede Identität) auf eine Reihe von Mythen. Die pharaonische Kultur, die Ägypten als „Mutter der Welt“ mitbestimmt, fehlt in keinem Reiseprospekt und kaum je in Statements zur Nationalkultur. Auch Religiosität (nicht nur islamische, sondern auch christliche!) und ein starkes Beharren auf Traditionen sind für ÄgypterInnen Elemente, die wichtig für ihre kulturelle Identität sind. Interkulturelle Kontakte (durch die französische Invasion und die britische Okkupation, aber u.a. auch durch Studienaufenthalte von Intellektuellen im Ausland) bewirkten säkulare Einflüsse, auf die vor allem die ägyptischen Intellektuellen auch heute noch stolz sind. Weitere identitätsstiftende Elemente sind oder waren der Pan-Arabismus, die Rolle als Führerin der afrikanischen Welt und der Islamismus, von dem sich der Staat Ägypten allerdings nach der Islamischen Revolution im Iran abgewandt hat.
Anhand dieser beiden Nationalkulturen lässt sich leicht zeigen, wie sehr sogar Selbstbilder aus Widersprüchen zusammengesetzt sein können. Verbindendes Selbstbild der ÖsterreicherInnen und der ÄgypterInnen: Beides sind Kulturnationen, die mit großem Stolz auf ihre weit zurückreichenden Wurzeln und ihre berühmten Kulturdenkmäler, KünstlerInnen und Intellektuellen blicken, auch wenn ihnen letztere manchmal etwas unangenehm sind. So hatten und haben sowohl Elfriede Jelinek als auch Naguib Machfus in ihrem jeweiligen Inland nicht nur Freunde, wenngleich man auf sie als NobelpreisträgerInnen stolz ist.

Fremdbilder, Stereotype, Image
Sucht man mit „Google“ nach Erstinformationen zu Ägypten, stehen auch hier die Pharaonen und ihre Kultur an der Spitze der Suchergebnisse. Dicht gefolgt werden sie vom sonnigen Urlaubs-Ägypten, das Sonne, Strand und Wüstensand zu bieten hat. Ein weiteres Fremdbild ist das negative, von Bombenanschlägen und Terrorismus geprägte. Für jene, die in Ägypten ein- oder mehrmals Urlaub gemacht haben, wird aber immer das Bild jener gastfreundlichen, herzlichen Menschen mitschwingen, die sie bei ihrem Aufenthalt kennen gelernt haben.
Österreich ist das Land des Walzers, oft (gerade im arabischen Raum) auch jenes von „Sound of Music“, einem Film, der in Österreich nur wenig bekannt ist, aber sein Image nach wie vor sehr stark prägt. Ferner sind die Österreicher im „Land der Berge“ zu Hause. Auch Österreichs Seen und andere landschaftliche Schönheiten haben sich zu einem Bild verdichtet, das dem Land im Ausland viele FreundInnen und bewundernde Kommentare einbringt. Das Fremdbild Österreichs wird aber auch immer wieder mit jenem von Deutschland vermischt, wovon viele österreichische Auslandreisende wohl ein Lied singen können. Manchmal wird „Austria“ in den Vorstellungen auch zu „Australia“. Im arabischen Raum sind „innimsa“ und „Vienna“ aber immerhin auch von einer Sängerin in „Layali el onz fi vienna“ (Die glücklichen Nächte in Wien) verewigt worden.

Die Rolle der Medien
Die kommunikationswissenschaftliche Theorie des „Agenda Setting“ beschreibt die Rolle der Medien in Hinsicht auf Themen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert werden. Entsprechend dieser Theorie haben die Medien zwar keinen großen Einfluss darauf, was die RezipientInnen zu den einzelnen Themen denken, aber darauf, über welche Themen nachgedacht wird. Kritiker meinen, dass die Theorie den Medien zuviel Macht einräumt und Informationsflüsse innerhalb von Gruppen vernachlässigt werden.
In einer Diskussion am Rande der Eröffnung der Ausstellung „Muslims in Austria“ (Kairo, November 2006) wurde denn auch die These, die Medien prägten die Bilder der Muslime, scharf kritisiert. Schließlich seien es die LeserInnen, die die Medien auswählten und sehr oft ihre eigene Meinung in die Lektüre einbrächten.
In diesem Sinne basiert die „Meinungsverstärker-Hypothese“ denn auch darauf, dass Massenmedien eher der Meinungsverstärkung dienen. Jeder wählt das Medium aus, das der eigenen Meinung weitestgehend entspricht und diese verstärkt. Als „Prinzip der Dissonanzvermeidung“ bezeichnen KommunikationswissenschafterInnen die Vermeidung von Medien (und Medieninhalten), die im Gegensatz zur eigenen Meinung stehen. Auch der Nutzenansatz (uses and gratifications approach) geht von einem (zumindest teilweise) mündigen und aktiven Medienkonsumenten aus, der in der Mediennutzung in erster Linie die Befriedigung seiner Bedürfnisse (und damit einen Nutzen) sucht.
Haben die medial vermittelten Bilder also weniger Macht über das Publikum und ihre Bilder von Menschen, Kulturen oder Nationen als man es uns oft glauben macht?
Wenn man an den dänisch-arabischen „Karikaturenstreit“ denkt, scheinen die Theorien nicht zu greifen. Auch der österreichische Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Hans Winkler scheint das Thema anders zu sehen, wenn er in seiner Festrede zur österreichischen Auslandskulturtagung 2006 meint:
„Künstler und Wissenschaftler, sowie die Macht der Bilder und der Worte beeinflussen die öffentliche Meinung und nehmen in gewissem Maße auch Einfluss auf die Politik eines Landes, da Ereignisse durch die internationale Vernetzung innerhalb kürzester Zeit medial weltweit verbreitet werden können.“

Nation Branding
„Auslandskulturpolitik“, so Winkler weiter, „arbeitet an den Schnittstellen zwischen Image und Identität“. Wohl jedes Land wünscht sich, dass das Selbstbild (die Identität) möglichst nahe an sein Image (das Fremdbild) heranrückt. Und so, wie auch Individuen sich gegen „falsche“ Bilder zur Wehr zu setzen versuchen, versucht auch der Staat als politische Instanz ein Image einer Nation aufzubauen, das dem Selbstbild (oder zumindest dessen positiven Seiten) möglichst nahe ist. Da in Europa die Kultur(politik) immer näher an die Wirtschaft heranrückt, hat man dieser Tätigkeit der Image-Kommunikation nun den Terminus „Nation Branding“ gegeben. Ob der neue Name und neue Strategien das Image, das eine Nation im Ausland hat, wohl verändern können?

Österreich und Ägypten – zwei „Kulturnationen“
Österreich und Ägypten können eigentlich mit ihrem Selbst- und Fremdbild als „Kulturnationen“ zufrieden sein. Wenn es gelingt, das mediale und das Publikumsinteresse noch mehr auf zeitgenössische Entwicklungen zu lenken und die Diversität zu kommunizieren, die sich aus dem reichen kulturellen Erbe beider Länder entwickelt hat, kann das ohnehin schon positive Image ein wenig entstaubt werden. Ob die TouristInnen das mögen? Auch für die ÖsterreicherInnen und ÄgypterInnen, die sich viel auf Traditionen zugute halten, stellt sich die Frage, wie viel Erfrischung ihr Selbstbild verträgt. In beiden Ländern aber steht das Alte neben dem Neuen, das sich oft auf lustvolle Art mit dem kulturellen Erbe auseinandersetzt und schon allein deshalb nicht vernachlässigt werden sollte.

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Weiterführende Informationen im Internet :
Andrea Naica-Loebell: Multiple Identität junger Europäer. In: Telepolis. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23807/1.html
Arne Haselbach: On Ways and patterns of thinking “Identity”. In: Vienna Think Tank. WWW: http://www.vienna-thinktank.at/ocpi1994/94ocpi_haselbach.htm
Assem Al Desouky: Changes of the Egyptian Identity. In: Al Ahram Democracy Review. No. 23/July/2006. WWW: http://democracy.ahram.org.eg/eng/Archive/Index.asp?CurFN=selt2.htm&DID=8899 (Link inaktiv)
Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten, Kulturpolitische Sektion, Referat für kulturelle Öffentlichkeitsarbeit (Hg): Auslandkulturtagung 2005. Österreich zwischen Image und Identität. WWW: http://www.bmeia.gv.at/aussenministerium/aussenpolitik/auslandskultur/virtuelle-galerie/auslandskulturtagung-2005.html
Wolfgang Lutz, Sylvia Kritzinger, Vegard Skirbekk: The Demography of Growing European Identity. (Science 20 October 2006: Vol. 314. no. 5798, p. 425). WWW: http://www.sciencemag.org/cgi/content/full/314/5798/425/DC1
Österreich 2005. Gesprächsrunde 18. Oktober 2005 des “Netzsymposion“. WWW: http://www.austria.gv.at/site/4491/default.aspx
Rede von Hans Winkler zur österreichischen Auslandskulturtagung 2006: Inernationale Resonanzen - Der Beitrag der Kultur zur Public Diplomacy. WWW: http://www.bmeia.gv.at/aussenministerium/pressenews/reden-und-interviews/2006/rede-von-staatssekretaer-dr-hans-winkler-bei-der-oesterreichischen-auslandskulturtagung-2006-am-7-september-2006.html
TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften, insbes. Nr. 15: Das Verbindende der Kulturen. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/inhalt15.htm
Wikipedia: Agenda Setting. WWW: http://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting
Wikipedia: Massenkommunikation. WWW: http://de.wikipedia.org/wiki/Massenkommunikation

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Editorial zum Magazin der österreichisch-arabischen Informationsplattform „Selbstbilder und Fremdbilder der Kulturen" (2007). Abruf via wayback machine: http://web.archive.org/web/20071107144529/http://www.austro-arab.net/1_Article_German.asp?id=1

Monday, January 21, 2013

Tarek ElTayeb: Das Palmenhaus


„Ich bin jetzt hier, hier in Wien“

Der in Wien lebende Schriftsteller Tarek Eltayeb las im „El Sawy Cultural Center“ in Kairo aus seinem Roman „Das Palmenhaus“ (publiziert 2005)

   „Ich war Frühling,
    als ich in Wien landete,
    in meinem Kopf eine verpflanzte Palme.
    Ihre Triebe sind in zwei Jahren Blätter geworden.

    Der Herbst kam
    und packte sein Hab und Gut zusammen.
    Doch ich hatte bereits vor ihm das Laub aufgesammelt,
    das mir vom Kopf gefallen war.
    Ich versteckte es
    für meinen Schlaf und meine Wangen.
    Im Traum war es eine Palme,
    im Wachsein ein Polster.

    Ich bin Sommer geworden.
    Unter dem Druck meines Kopfs höre ich es rascheln.
    Es flüstert ins Ohr meiner Träume.

    Und ich habe begonnen,
    mich vor dem Winter zu fürchten.“



Dieses Gedicht, „Jahreszeiten einer verpflanzten Palme“, schrieb Tarek Eltayeb im Jahr 2000 in Wien. 

16 Jahre hatte er bereits hier zugebracht, zum Teil mit dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, das er 1997 mit Doktorat abschloss. Der 1959 als Sohn sudanesischer Eltern in Kairo geborene und aufgewachsene Autor hatte 1985 begonnen, literarisch zu schreiben.
„Ich hatte Heimweh und am Anfang keine Freunde gefunden, die sich für Literatur interessierten. Man sprach oberflächlich über die Arbeit, die Miete und den Tagesablauf. Jeden Tag dasselbe und mehr nicht! Da habe ich begonnen, sehr viel zu lesen, und die Bücher waren eben meine Freunde. Dann wollte ich das Schreiben einmal selbst versuchen. Ich war froh, weil ich durch das Schreiben meine Balance fand.“

Das erzählt er in der 1996 erschienenen Anthologie „JEDER IST anderswo EIN FREMDER“, in der auch Lyrik und Prosa von ihm abgedruckt sind. Schon davor konnte Tarek Eltayeb nicht nur auf zahlreiche Veröffentlichungen in arabischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften in Europa und arabischen Ländern verweisen, sondern auch auf mehrere Bücher in arabischer Sprache. Noch immer ist das Arabische die Sprache, in der der Schriftsteller seine Werke verfasst. Sie werden von seiner Frau, der Arabistin Ursula Eltayeb, ins Deutsche übertragen. Doch obwohl Arabisch die Sprache für seine literarisches Schaffen ist, war es für Tarek Eltayeb ein Anliegen „die deutsche Sprache so gut zu erlernen, daß ich sofort weiß: Was meint der, der da vor mir sitzt?“:

„Wenn man in einem fremden Land leben will, muß man die Sprache sehr gut beherrschen und viel   über die Kultur lernen. Da muß man schauen, wie die Leute wirklich leben. Was denken die Leute? Man hört Radio, man schaut fern, man muß auch auf die Straße gehen und mit den Menschen sprechen. Ich kann nicht mit meiner Kultur die Österreicher analysieren und sagen ‚Die machen das anders als wir.’ Ich bin nicht von hier und ich muss mich mit der Zeit anpassen, aber so, dass ich meine Kultur nicht verliere.“


Das neueste Werk von Tarek Eltayeb, das in deutscher Sprache im Herbst 2005 in der Edition Selene erscheinen wird, heißt „Das Palmenhaus“.

Das Palmenhaus im Park des Schlosses Schönbrunn in Wien ist eine gigantische Stahl-Eisen-Glas-Konstruktion, eine Meisterleistung der Architektur des 19. Jahrhunderts. Dieses einzigartige Glashaus lässt Phantasien von weit entfernten tropischen Ländern und ihrer Flora für die Wiener Wirklichkeit werden. Für den Protagonisten des Romans, „Hamza“, wird es zum Ort, der lang verblasste Erinnerungen an Kindheit und Familie im Sudan wieder lebendig werden lässt. Hamza, meistens hungrig und frierend vor Kälte und Einsamkeit, ist Immigrant in Wien, einer für ihn „herausgeputzten, sanftmütigen, historischen Stadt, in der Menschen wie ich an den Rand gedrängt werden.“ Hamza steht damit für viele Migranten, die herausfinden, dass Europa für sie nicht das faszinierende Land überquellenden Reichtums ist, das sie sich vorgestellt haben. Mit seinem Leben im kalten und oft unfreundlichen europäischen Hier und Jetzt, seiner Begegnung mit einer Wienerin, die Wärme in sein Leben bringt und seinen Träumen von den Stätten und Menschen seiner Vergangenheit wird Hamza zum Wanderer zwischen den Welten und den Kulturen, zwischen Einsamkeit und Hoffnung und zwischen den Zeiten, was auch eine Leseprobe aus dem Roman veranschaulicht:

“In dieser Stadt bin ich allmählich wie die Leute hier geworden. Aber ich kann der Zeit nicht trauen und muss immer darauf gefasst sein, dass sich meine Lage von einem Augenblick zum anderen in etwas mir Unbekanntes verwandeln könnte. Ich warte auf etwas, das ich nicht kenne, und das mir Angst macht. Ich durchlebe jetzt eine Zeit der Menschen dieser Stadt, in einer gefährlichen Zeit. Wissen Sie, ich bin von einem Ort gekommen, in dem man die Zeit wie die Ziegen vor sich hertreibt. Man sagt: „Bleib stehen!“ und sie bleibt stehen, „Geh weiter!“, und sie geht weiter. Man treibt sie vor sich her, und beim ersten Baum legt man sich hin, um auszuruhen und auf der Zeit zu schlafen, ohne Uhr und ohne Zeitrechnung. Wenn man wach wird, scheucht man die Zeit von neuem vor sich her bis zu den Häusern, um dort wieder zu schlafen. Hier ist es umgekehrt. Die Zeit ist wie ein Raubtier hinter den Menschen her, läuft jedem nach, zerfleischt den zu Langsamen und frisst den Schwachen auf, kreist über den Menschen her wie ein Raubvogel. Hier muss man vor der Zeit her rennen und rennen, bis man zusammenbricht. Ich habe die Zeit der Menschen dort durchlebt und durchlebe nun die Zeit der Menschen hier, ohne eine Wahl gehabt zu haben, ohne zu wissen, was besser ist. Aber ich bin von beiden müde.“


Tarek Eltayeb gibt in seinen Werken jenen eine Stimme, die ausgezogen sind, weil sie in ihrer Heimat nicht mehr leben können oder wollen, und in der Fremde das Glück suchen – meistens, ohne dabei glücklich zu sein. Er zeichnet poetische und bewegende Skizzen, die die Lesenden in ihren Bann ziehen und zu einem neuen Bild verschmelzen, das nicht das „Eigene“ oder das „Fremde“ darstellt, sondern die vielfältigen Räume, die sich durch die Begegnung von Kulturen eröffnen.
In der BAWAG-Anthologie „Macht Religion Sinn“ (Wien 2002) beschreibt Tarek Eltayeb seine eigene vielfache kulturelle Zugehörigkeit:

„Wir leben nun am Anfang des 21. Jahrhunderts, ich bin Mitte vierzig und habe die Hälfte meines Lebens in einer „islamischen Gesellschaft“, die andere Hälfte in einer „christlichen Gesellschaft“ verbracht. Die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt, da ich weder die eine noch die andere so bezeichnen würde. Beide setzen sich für mich aus den unterschiedlichsten Facetten zusammen, Religion spielt dabei wohl eine Rolle, aber bei weitem nicht die einzige. Ich persönlich hatte nie einen Kampf zwischen den beiden in mir auszufechten. Eigenartig ist es nur, wenn man dieses „Gleichgewicht“ als außerhalb der Norm interpretiert [...]. Man möchte mich unbedingt in eine bestimmte Schublade einordnen und es fällt schwer, mich so anzunehmen, wie ich bin, geprägt von unterschiedlichen Kulturen, Traditionen, Religionen.“


Tarek Eltayeb, der nicht nur literarisch tätig ist, sondern auch als Fachhochschulprofessor am International Management Center der University of Applied Sciences in Krems arbeitet, hatte vor seinem Studium in Wien an der Ain Shams Universität in Kairo Betriebswirtschaft studiert. Er freute sich sehr, vom Österreichischen Kulturforum Kairo in die Stadt seiner Jugend eingeladen zu werden, und dabei auch an der Ain Shams Universität zu lesen. Einer der Höhepunkte seiner Lesereise durch Ägypten war mit Sicherheit die Präsentation seiner Werke im El Sawy Culture Wheel, bei der sich unter dem zahlreich erschienenen Publikum auch namhafte ägyptische LiteraturwissenschafterInnen und SchriftstellerInnen wie Salwa Bakr befanden, mit denen der Autor zum Teil seit Jahren Kontakte pflegt.
 
Werke von Tarek ElTayeb:

auf Deutsch:
  • Städte ohne Dattelpalmen . Lyrik und Prosa von und ein Gespräch mit Tarek Eltayeb. In: JEDER IST anderswo ein FREMDER. Hrsg. von Christa Stippinger. Wien 1996 (=Interkulturelle Reihe des Vereins Exil im Amerlinghaus, Bd.1). S. 80-94.
  • Ein mit Tauben und Gurren gefüllter Koffer ; Gedichte und Prosa. Arabisch/Deutsch (aus dem Arabischen von Ursula Eltayeb), edition selene, Wien 1999.
  • Städte ohne Dattelpalmen . Roman (aus dem Arabischen von Ursula Eltayeb), edition selene, Wien 2000.
  • Aus dem Teppich meiner Schatten, Gedichte und Prosa (aus dem Arabischen von Ursula Eltayeb), edition selene, Wien 2002. Das am Anfang dieses Artikels abgedruckte Gedicht ist diesem Band entnommen.
  • Macht Religion Sinn? Ein Leben zwischen islamischen und christlichen Welten. In: Macht Religion Sinn. Eine BAWAG-Anthologie über Gott und die Welt, Ueberreuter, Wien 2002. S. 9-19.
  • Das Palmenhaus. Roman. edition selene, Wien 2005.  (der Roman erschien 2007 im Verlag Hans Schiler - korrigiert 2013-02-01)
 
الأعمال المنشورة:
  • مدن بلا نخيل، رواية، طبعة أولى، دار الجمل، كولونيا، ألمانيا 1992
  • طبعة ثانية، دار الحضارة للنشر، القاهرة 1994
  • الأسانسير، مسرحية، السلام للطباعة والنشر، القاهرة 1992
  • الجمل لا يقف خلف إشارة حمراء، مجموعة قصصية، دار الحضارة للنشر، القاهرة 1993
  • اذكروا محاسن ... ، مجموعة قصصية، دار شرقيات للنشر، القاهرة 1998
  • حقيبة مملوءة بحمام وهديل (عربي – ألماني)، قصائد ونصوص، دار سيلينه للنشر، فيينـّا 1999
  • تخليصات (إرهاب العين البيضاء) حس، دار ميريت للنشر، القاهرة 2002
 
Weiterführende Informationen im Internet (aktualisiert 2013)
Aus: Österreichisch-arabische Informationsplattform: Magazin 1/2005 (http://www.austro-arab.net)

Monday, April 14, 2008

Was die Kulturen verbindet

Eine Gebetskette auf dem Dach der American University of Cairo
(April 2007)

Er ist in Ägypten schon längst kein Unbekannter mehr: Richard Jochum, der 1967 in Innerbraz (Vorarlberg) geborene Künstler und Philosoph, der derzeit Fellow an der Columbia University in New York ist. Schon 2005 war er auf Einladung des Österreichischen Kulturforums Kairo mit Workshops und einer Ausstellung („Playground“) in der Millionenmetropole Ägyptens präsent. Als er 2006 an der Kunst-Biennale in Alexandria teilnahm, erhielt er eine Einladung an die American University of Cairo (AUC).

Im Februar/März 2007 weihte er dort als „Distinguished Visiting Professor“ Kunst-StudentInnen und Interessierte ein: „Why contemporary art looks like it does“. Neben den Begegnungen mit StudentInnen und KollegInnen entstand das Projekt, eine überdimensionale Gebetskette auf dem Dach jenes Gebäudes zu installieren, in dem er referiert, gelehrt und künstlerische Arbeiten besprochen hatte.

„Gebetsschnüre werden in fast allen Religionen verwendet; dieser hier verbindet die 99 Gebetsperlen des Islams mit visuellen Elementen des Rosenkranzes“, meinte Richard Jochum über das Projekt: „Ich verstehe die Installation als Brücke zwischen den Religionen bzw. Kulturen; und als Ausdruck meiner Überzeugung, dass Religion letzten Endes auf individueller Frömmigkeit basiert, und nicht auf Politik.“ Die einzelnen Tongefäße wurden in einer konzertierten Aktion gemeinsam blau angestrichen – „blau, wie der Himmel, der die Installation umgibt“ – und mit Ketten verbunden. „Ich sehe auch die Stahlkette als Metapher“, so der Künstler, „sie kann uns – negativ betrachtet – aneinander fesseln, aber sie gibt uns in positiver Hinsicht Zusammenhalt.“ Das Schöne am Projekt sei nicht nur das Produkt, sondern auch der Prozess, und das heißt, die Partizipation. Wer Zeit und Lust hatte, konnte mitmachen, ob (angehender) Künstler oder nicht. Und tatsächlich war die Beteiligung, vor allem aber die Freude der Beteiligten am gemeinsamen Schaffen, enorm. Bis Ende Mai wird die Installation auf dem Dach des Falaki-Gebäudes der AUC zu sehen sein. Sie lädt die Besucher ein, ihre eigenen Gedanken in die 40 Meter lange Gebetsschnur zu projizieren, seien sie nun religiös oder nicht. Wer nicht auf das Dach der AUC steigen kann oder will, findet Informationen über das Projekt auch auf der Website von Richard Jochum (http://richardjochum.net).

Erschienen in: kultur.news (BmaA), Mai 2007. Die den Text enthalten habende URL, https://cms.bmeia.gv.at/up-media/3660_was_kulturen_verbindet_kairo.pdf, ist inaktiv.

Monday, April 7, 2008

Sind wir so, wie wir in der Literatur aussehen?

Ägypten in der österreichischen Literatur und die Rezeption dieses Bildes durch ÄgypterInnen

In den Jahren 2000-2003 sind vier Werke von österreichischen Schriftstellern erschienen, deren Handlung sich in Ägypten entwickelt. Christoph Brändle thematisiert in „Der Unterschied zwischen einem Engel“ vor allem das Reiseland Ägypten. Gerhard Roth lässt seinen Protagonisten in „Der Strom“ einen mysteriösen Todesfall am Nil untersuchen. Walter Grond begibt sich in seinem Roman „Almasy“ auf eine mehrfach gebrochene Suche nach Spuren von Ladislaus Almasy und Raoul Schrott empfindet in „Khamsin“ erzählend eine historische Begebenheit in der Wüste nach.

Mehr als die Pyramiden – ein neues Ägyptenbild

Diese vier Werke der österreichischen Gegenwartsliteratur zeigen sehr unterschiedliche Sichtweisen auf Ägypten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ein Bild vermitteln, das den Leserinnen vor Augen führt, dass Ägypten mehr zu bieten hat als Pyramiden, das Tal der Könige und die Sphinx. In allen Werken nehmen die Schilderungen fremdartiger Landes- und Städtebilder einen breiten Raum ein, entführen die Leserin in einen gut beobachteten und beschriebenen Raum, der auch dazu angetan scheint, ein neues Bild von Ägypten zu zeichnen. Gerade diese genauen Beobachtungen des Fremdartigen scheinen jedoch eher den alten durch einen neuen Exotismus zu ersetzen. Eine Annäherung an das moderne Ägypten und seine (Alltags-)Kultur findet – besonders in den Werken von Schrott, Roth und Braendle – kaum statt.

Allen Werken außer jenem Walter Gronds fehlt ein Zugang zu einem Ägypten, das aus Menschen besteht, die mehr sind als malerische Fremde. Und selbst Walter Grond hat sich einer Reihe von Klischeebildern nicht entziehen können, wenngleich diese Klischees durch die Vielfalt an Personen, die er in seinem Roman agieren lässt, ein wenig gebrochen werden.

Wie sehen ÄgypterInnen diese Bilder?

Viele ägyptische LiteraturwissenschafterInnen sind nicht nur neugierig darauf, wie sie und ihr Land von anderen gesehen werden, sondern nehmen auch das Bild, das vermittelt wird, auch sehr kritisch und sensibel auf.
Um diese Auseinandersetzung zu ermöglichen, wählte ich Textstellen aus drei der genannten Werke als Basis für einen Workshop zum „Ägyptenbild in der österreichischen Literatur“, der am 21. November 2004 im österreichischen Kulturforum Kairo stattfand. 18 TeilnehmerInnen hatten sich eingefunden – nicht nur Germanistinnen und Germanisten von fast allen Kairoer Universitäten, sondern unter anderem auch eine (deutsche) Kollegin von der Friedrich-Maimann-Stiftung, einige österreichische „Expatriotes“ sowie zwei JournalistInnen.

Die TeilnehmerInnen wurden eingeladen, zumindest zwei der Texte vergleichend zu lesen. Das erwies sich als ausreichend, um nach einer halben Stunde Lektüre eine sehr lebhafte Diskussion zu starten.

Ein Student der Al-Azhar-Universität berichtete mit Begeisterung seine Leseerlebnisse mit dem Text von Walter Grond. Er fand es unter anderem „prima“, dass die erste Figur in der Lesestelle ein „Scheichsohn“ war, womit für ihn bereits der Hinweis gegeben war, wie sehr auch europäische Schriftsteller Kultur und Bildung hochschätzten. Die Diskussion konfrontierte die ägyptischen Teilnehmenden dann allerdings damit, dass in Europa „Scheichs“ in erster Linie als reich und mächtig und nicht als Religionsgelehrte (was sie eigentlich sind) verstanden (und beschrieben) würden, und dass auch die Figur des Scheich Abdul im Roman „Almasy“ dabei keine Ausnahme darstellt.

Viele Lektüreberichte der ägyptischen TeilnehmerInnen waren sehr stark daran orientiert, herauszustellen, was an den Darstellungen „stimme“ und was nicht. Diskutiert wurde daher auch, welches Recht Fiktion hätte, nicht „richtig“ zu sein. Die Darstellungen wurden von den anwesenden ÄgypterInnen durchaus als Chance gesehen, „uns mit den Augen anderer zu sehen“, aber es wurde auch festgehalten, dass bereits die Orientalisten damit begonnen hätten, „ein falsches Ägyptenbild zu vermitteln“, und dass diese „Tradition“ in der Literatur nun offensichtlich fortgesetzt würde.
Wer ist „schuld“ an den Bildern?

Der Text von Christoph Braendle stieß – auch unter den anwesenden Auslandsdeutschen und -österreicherinnen – auf die heftigste Ablehnung, weil ein sehr klischeehaftes Ägyptenbild gezeichnet würde. In der Lesestelle, in der sich der Protagonist auf dem Khan-el-Khalili-Bazar umsieht, wird er von Expatriotes fürsorglich betreut. Als er auf eigene Faust eine Wasserpfeife ersteht, ist dies nicht nur seine einzige Interaktion mit einem Ägypter, er handelt auch nicht gerade den besten Preis für seinen Kauf aus. Klischeehaft oder nicht – Braendle zeichnet hier durchaus liebevoll das nach, was Touristen wohl tatsächlich täglich erleben, wenn sie das Land bereisen... Beim Sprechen über den Text kam es auch zu interessanten Auseinandersetzungen darüber, ob die Ägypter selbst daran schuld seien, wenn schlecht über sie geschrieben würde.

Im Vergleich mit Gerhard Roths Protagonisten, der in einem Vorort von Kairo aussteigt um zu fotografieren und dabei Geld verteilt, wurde auch die Haltung von EuropäerInnen als Reisende in „armen“ Ländern zum Thema. Andererseits konnte dann im Rückgriff auf einzelne Passagen auch herausgearbeitet werden, dass vielleicht gerade die Überzeichnung der Handlungen der Rothschen Hauptfigur auch einiges an selbst- bzw. tourismus-kritischem Potenzial beinhalte.

Kairo – die Stadt der Gegensätze

Schließlich wurde noch das Bild Kairos zum Diskussionsgegenstand. Ein Kollege von der Ain Shams-Universität fand Kairo als „die Stadt der Gerüche“ in allen Texten sehr gut gezeichnet. Eine weitere Kollegin zeigte (zunehmend assistiert von weiteren Teilnehmenden) auf, dass das Kairo-Bild in allen Texten eigentlich sehr differenziert wäre: das Schöne neben dem Verfallenen, die Luftverschmutzung neben den herrlichen Ausblicken, das schimmernde Wasser des Nils als Ausgangspunkt für eine Fahrt in eine Vorstadt, in der Kinder „auf dem von Tiermist übersätem Asphalt“ spielen...
Der Workshop bot eine gute Gelegenheit, Selbst- und Fremdbilder miteinander zu vergleichen. Für die Initiatorin war er ein Erlebnis aus Stimmen zu literarischen Bildern.

Die Autoren und ihre Texte mit Ägyptenbezug:

Christoph Braendle wurde 1953 in Bern (Schweiz) geboren. Seit 1987 ist er freiberuflicher Autor und Journalist. Er lebt in Wien (Österreich).
Bio-bibliographische Information im WWW:
http://lexikon.a-d-s.ch/edit/detail_a.php?id_autor=214
Er zeichnet ein Ägyptenbild in: Der Unterschied zwischen einem Engel. Ägyptische Novelle. Wien: Picus, 2000 (=Picus Lesereisen).
Beim Workshop wurden als Textauszug die Seiten 18-21 aus diesem Buch gelesen.

Walter Grond (geboren 1957) studierte Geschichte in Graz. Er lebt in Aggsbach Dorf (Österreich).
Bio-bibliographische Information im WWW:
http://www.grond.cc/
Er zeichnet ein Ägyptenbild in: Almasy. Roman. Innsbruck: Haymon, 2002.
Beim Workshop wurden als Textauszug die Seiten 262-267 aus diesem Buch gelesen.

Gerhard Roth (geboren 1942) studierte Medizin, bis er seine Studien aufgab um Schriftsteller zu werden. Er lebt in der Südsteiermark (Österreich) und Wien (Österreich).
Bio-bibliographische Information im WWW:
http://www2.onb.ac.at/sammlungen/litarchiv/bestand/sg/nl/roth.htm
Er zeichnet ein Ägyptenbild in: Der Strom. Roman. Frankfurt/Main: S.Fischer, 2002.
Beim Workshop wurden als Textauszug die Seiten 50-55 aus diesem Buch gelesen.

Raoul Schrott (geboren 1964) studierte Literatur- und Sprachwissenschaften in Norwich, Paris, Berlin und Innsbruck. Er lebt in Landeck (Österreich) und Cappahglass (Irland).
Detaillierte biographische Information im WWW:
http://webapp.uibk.ac.at/brennerarchiv/tirlit.xsql?zeitraum=alle®ion=alle&string=schrott&id_in=802#802
Er zeichnet ein Ägyptenbild in: Khamsin. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2002. Im Buch: Khamsin. Erzählung, S.9-[27] und Die Namen der Wüste. Essay, S.31-60.


Dieser Text erschien 2007 im Magazin der österreichisch-arabischen Informationsplattform (http://www.austro-arab.net) zum Schwerpunktthema „Selbstbild und Fremdbild der Kulturen“.

Andrea Ghoneim-Rosenauer, Mag., war von 2002-2007 Österreich-Lektorin an den Deutschabteilungen der Ain Shams Universität (Kairo), der German University of Cairo und der Al Minia Universität (Oberägypten). Publikationen vor allem im Bereich Literatur im Internet. Dissertationsprojekt an der Universität Wien: Literarische Publikationsformen im WWW (die Arbeit ist abgeschlossen, Verteidigung voraussichtlich im Juni 2008).

Tuesday, July 17, 2007

ägypter im hochquellwasser

wien hat mich wieder. aber wien hat nicht nur mich, sondern auch bereits zum 3. mal hisham und - erstmals - zico. es gibt also auch kairiner, die in wien urlaub machen. wien hat auch schon fast seit ewigkeiten tamer, der mittlerweile österreichischer staatsbürger ist und gleich bei mir ums eck wohnt.

am ersten juli-sonntag aber wollten wir uns nicht in wien aufhalten. wir fuhren nach wildalpen in der steiermark um uns in die salza zu werfen. da die salza nur 13 grad hat, geschah das natürlich nicht im badeanzug, sondern in neopren-anzügen, schwimmwesten, helmen und in einem rafting-boot. all dies zubehör und den steuermann des bootes, klaus, fanden wir in der "sportagentur liquid lifestyle", wo wir nach einer wunderschönen fahrt über mariazell mit einiger verspätung eintrafen. für fotos in unseren neuen outfits war trotzdem zeit. auch am wasser machten wir dann gleich noch ein gruppenfoto - wer konnte denn wissen, ob wir nach dem ritt über die wellen noch immer so schick aussehen würden...

die sache mit dem synchronen paddel-einsatz klappte nicht besonders überzeugend. die wellen und strömungen wirkten allerdings bei der durchquerung weniger schreckenerregend, als ich mir das vorgestellt hatte, und wir kamen trotz unserer abstimmungsprobleme und dank klaus gar nicht so schlecht durch allerlei situationen. dazwischen gab es immer wieder genug zeit, sich an der ständig wechselnden farbe des wassers zu ergötzen, die landschaft zu bestaunen und hin und wieder ein schlückchen aus der salza zu nehmen. immerhin versorgt die salza wien mit hochquellwasser, das wir nun sozusagen vor ort verkosten konnten.fast zu schnell kam die zeit für die mittagspause. die angebotenen ofenkartoffel an einer jausenstation, die auch etliche motorradausflügler verköstigte, waren aber auch nicht schlecht, ebensowenig der blick von einer hängebrücke auf den ort unserer sportlichen großtaten.

dann gings weiter stromabwärts. wir waren natürlich nicht die einzigen wassersportler, die die salza unsicher machten. so geschah es denn auch, dass wir fast über einen kajak fuhren. das war allerdings, wie uns klaus erklärte, nicht unsere schuld: wer im wasser spielt, muss aufpassen, ob nicht andere daherkommen.

eine stromschnelle ließ hisham fast über bord gehen, bei einer anderen landete ich mit einem größeren teil meines körpers im wasser, konnte aber dank einer helfend entgegengestreckten hand den weg zurück ins boot finden. schließlich machte auch tamer einen "ausritt". nur zico, dem es eigentlich am heißesten war und der sich immer wieder ein wenig "kühlwasser" in den nacken spritzte, blieb trocken. gegen diese trockenheit half dann eine pause bei einem wasserfall, an dem sich zico ganz einfach freiwillig ins wasser stürzte. auch ich bekam lust, meine kräfte beim schwimmen gegen die strömung zu testen. nachdem ich ganzkörperlich ins nasse eingetaucht war, verlor sich die lust dank der kälte des wassers allerdings blitzartig.

weiter ging's, und tamer und zico hatten sich schon so weit abgehärtet, dass sie (ganz freiwillig!) sogar ein stück ohne boot durch ein paar stromschnellen "rafteten". schön langsam begann auch unser ruderrhythmus ein wenig professionell auszusehen. schade also, dass wir schon das ende des rafts erreicht hatten. das boot rund 100 meter waldweg hinaufzuhieven war fast so anstrengend wie die gesamte wildwasserfahrt.

den jungs war trotzdem noch genügend energie geblieben, die ausrüstung während des wartens auf unser abholfahrzeug ordentlich zu testen: duelle helm gegen paddel und helm gegen helm wurden abgehalten und ausführlich dokumentiert, während ich das boot als sonnenliege zweckentfremdete.

nachdem wir uns aus den anzügen geschält und zur abwechslung warm geduscht hatten, war es zeit für die heimfahrt - doch wo waren die autoschlüssel? ich hatte sie noch in der hand gehalten, aber dann? zurück ins büro der sportagentur. das büro war geschlossen. was tun? abwarten und kaffee trinken. dabei entspann sich nochmals ein gespräch über den verbleib der schlüssel und hisham klopfte die fast unzähligen taschen seines survival-jackets ab um zu demonstrieren, dass die gesuchten objekte nirgendwo seien, bis in genau diesem nirgendwo die schlüssel doch auftauchten.

zurück ging es dann über gutenstein, weil die menschen aus dem ägyptischen flachland noch ein paar bergstraßen kennen lernen sollten. das kam so gut an, dass es fast streit darum gab, wer fahren dürfe. nachdem hisham bewiesen hatte, wie bravourös er die kurven meistern kann, kam zico zum zug und hisham mimte den sportreporter:
"zico im herz der alpen ... fährt und er fährt und ein auto kommt uns entgegen. der fahrer schaut nicht, doch zico hat die situation voll im griff ... hier wieder eine kurve und welcher ausblick! und zico fährt auf der straße - doch wohin geht die straße ... zico lächelt, tamer lächelt und andrea versteht nichts aber lächelt auch..."

ein bisserl was habe ich aber doch verstanden, und der tonfall des "reporters", der versucht, aus allem, was passiert, eine sensation zu machen, ist ohnehin sprachenunabhängig. nach gutenstein machten wir noch einen abstecher über den hals bei bad vöslau. als wir vom berg herunterkamen, war gerade noch genug licht für ein foto. wir parkten, als ein traktor aus den feldern herauskam. der bauer sprach uns an: woher wir kämen und ob wir vielleicht eine zigarette hätten. schnell kamen wir ins plaudern und fast ebensoschnell kam der traktor ins rollen. der bauer konnte gerade noch rechtzeitig aufspringen, bevor das gefährt in einen baum fuhr.

nun wurde es zeit, dass auch bei uns jemand vernünftiger das steuer übernahm: tamer nahm sich der sicherheit auf dem rest des heimwegs an. stolz auf unsere abenteuer, sahen wir uns gleich nach der heimkehr bei einer pizza unsere ausbeute an fotos und videos an. falls ich kopien davon bekomme: wollt ihr auch welche sehen?

Saturday, May 26, 2007

der grosse showdown

wir kennen sie alle - die grossen momente im leben, in denen ein lebensabschnitt beendet wird und ein neuer beginnt. die magisterwerdung gehoert fraglos dazu. auch bei uns werden ihr gebuehrend nervenanspannungen geopfert, bis alles in einem grossen fest muendet. in aegypten gibt es dies alles in orientalischer ueppigkeit an einem tag.

nauterlich wird auch hier entsprechend vorgearbeitet. es wird eine arbeit geschrieben. die germanistInnen muessen das auf deutsch tun und dabei sowohl ihren bis dahin kaum praktizierten umgang mit wissenschaftlichen arbeitstechniken erproben als auch ihre sprache auf ein ganz anderes niveau bringen. für viele ist die magisterarbeit die erste ernstzunehmende wissenschaftliche arbeit, die sie verfassen. klar, dass sich die kandidatInnen hilfe holen, wo sie koennen. viel gibt es leider hierzulande aber auch nicht zu holen. die aegyptischen profs sind sehr beschaeftigt und die auslands-lektorInnen haben auch nicht fuer alle zeit. so wird meist nach dem trial-and-error-prinzip geschrieben, abgegeben, zurueckgeworfen, mehr oder weniger korrigiert wieder abgegeben, zurueckgewiesen, tränen fließen, noch einmal wird versucht...

irgendwann ist es dann so weit: die arbeit ist fertig genug, dass es einen termin fuer die "verteidigung" gibt. der magister-vater und die 2 gutachterInnen erhalten je eine kopie der arbeit und machen sich ans produzieren von vortraegen, raeume werden angemietet, die familie wird eingeladen, der countdown läuft.

dienstag, 7 uhr morgens, bahnhof giza. drei menschen im halbschlaf treffen einander: der leiter der deutschabteilung von al minia, ein DAAD-lektor und die österreichlektorin. sie besteigen den zug und treffen den doktorvater, eine der grauen eminenzen der hiesigen germanistik. die ägyptischen profs schlafen, die europäischen mitreisenden versenken sich in je eine magisterarbeit. es soll ja auch im herbst wieder verteidigungen geben können.

3 1/2 stunden spaeter, bahnhof al minia: 2 autos warten auf die ankommenden. es ist schon schön warm... wir fahren zur uni. dort werden wir feierlich von der dekanin der sprachenfakultät empfangen. das heisst: sie kommt sogar hinter ihrem schreibtisch hervor und setzt sich zwischen uns. diverse andere menschen sitzen auch herum, einer davon ist der vater der kandidatin. dass die dekanin nicht hinter dem schreibtisch sitzt, haelt sie keineswegs davon ab, ihrem tagesgeschaeft nachzugehen. wir bestellen und bekommen tee und kaffee, ich führe schmäh mit dem mann, der die getränke serviert, mit anderen hereinkommenden, man steht auf, setzt sich hin und woandershin. der kaffee ist längst ausgetrunken, wir sitzen und setzen uns um und tauschen höflichkeiten aus. der deutsche lektor würde gern mit der verteidigung beginnen. aber in minia herrscht nochmals ein anderes zeitgefühl als in kairo. ich weiss das zwar, (er wohl auch) aber ich werde mich auch nie wirklich dran gewöhnen...

irgendwann findet doch ein aufbruch aus dem zimmer der dekanin statt. geht es nun an die verteidigung? nein, natuerlich nicht. wir müssen erst im zimmer des abteilungsleiters frühstücken. es gibt feine tortenstücke und/oder salziges. die familie der kandidatin lässt sich nicht lumpen. es wird wieder mehrmals zum aufbruch gemahnt, aber nun gibt der abteilungsleiter alle unterschriften, ratschläge und anweisungen für den rest der woche. menschen kommen und gehen, ich schleiche mich raus und rauche eine zigarrette, der kollege vom daad liest im handbuch "deutsch als fremdsprache". wie immer geht es dann los, als es so aussieht, als würde heute gar nichts mehr passieren.

mit mehreren autos, in denen es mindestens 50 grad hat, fahren wir die 100 meter zum suzanne-mubarak-gebäude. dort ist ein raum für die "munaqasha risalat magister" (magisterarbeitsdiskussion) reserviert. anwesend: rund 20 familienmitglieder, knapp 10 assistentInnen, einige studentInnen und etliche honoratiorInnen. der raum ist klimaanlagengekuehlt, gott sei dank.

die kandidatin zieht sich das verteidigungsgewand, einen schwarz-roten umhang, über. die professoren verschwinden und tun desgleichen, nur sind ihre gewänder schwarz-grün. dann folgt eine längliche begrüßung durch den doktorvater auf arabisch, bei der der ganze lebenslauf der kandidatin (vom kindergarten bis zum zeitpunkt der verteidigung) abgehandelt wird. dann darf die kandidatin über ihre arbeit sprechen.

sie hat über franz fühmann geschreiben und ich verdanke ihr, diesen autor bzw. sein buch "22 tage doer die hälfte des lebens", das den forschungsgegenstand darstellt, kennengelernt zu haben. die kandidatin und ich haben 2 jahre lang zusammen unterrichtet, daneben und danach haben wir fühmann diskutiert. es war eine freude mit ihr zu diskutieren, weil sie interessante ideen hatte und ein schönes gefühl für die deutsche sprache und einen guten literaturwissenschaftlichen instinkt besitzt. es war trotzdem anstrengend. jetzt ist nichts mehr anstrengend, ich kann gemütlich zuhören und mich daran freuen, wie gut sie formulieren kann.

danach sind die plädoyers der gutachter an der reihe. denen hat die arbeit natürlich auch gefallen, aber sie müssen auch kritik üben, das schreibt ihre rolle vor. dazwischen wird ein bisserl über einen lieblingsgedanken philosophiert, und am ende wird die annahme der arbeit als magisterarbeit empfohlen. all dies muss 15-20 minuten dauern und sollte beweisen, dass die arbeit gründlich gelesen und sorgfältig bewertet wurde. dann ist der magister-vater am wort. er spricht natürlich nur gutes über die arbeit, denn er hat sie ja betreut (oder hätte das jedenfalls tun sollen). und auch er philosophiert ein wenig über dies und jenes - meistens über literatur- oder kulturhistorische querbezüge, die die kandidatin nicht kennen kann, auch nicht kennen muss. hier soll nur gezeigt werden: egal wie gut die gerade gebacken werdende magistra gearbeitet hat, so gut wie ein prof ist sie natürlich noch lange nicht.

am ende darf die kandidatin noch etwas sagen, wenn sie will. sich verteidigen. meistens schlägt man ihr vor, das nicht zu tun, viele sind auch nicht sehr interessiert. diese kandidatin antwortet lebhaft, so dass man sehen kann, wie stolz sie auf die arbeit ist und wie wichtig sie jede einzelne fussnote nimmt.

die familie hat nun fast eineinhalb stunden einer deutschsprachigen diskussion zugehört. die professoren ziehen sich zur beratung zurück. erfrischungen werden gereicht. auf mich stürzt sich ein weiterer potentieller magisterkandidat und ich sehe das grinsen der heutigen kandidatin, als sie mitkriegt, wie ich ihn mit fast missionarischem eifer beschwöre, sein thema nicht zu weit zu fassen.

neuerliche versammlung im saal. das urteil wird im stehen angehört: magistra mit auszeichnung. alf mahbruuk! herzlichen glückwunsch! 20 weitere minuten vergehen mit glückwünschen und fotos in den verschiedensten personellen zusammensetzungen. als wir endlich zum essen gehen könnten, hat der professor vom daad gerade diesen beschwörenden ton drauf, den ich in der pause verwendet hatte: "sie müssen genauer wissen, was sie wollen!" eine andere hoffnungsvolle kandidatin, soviel ich weiss, für den doktorgrad, hat ihn um rat und hilfe gefragt. weil er netter ist als ich, gibt er seine e-mail-adresse her. er bleibt auch noch ein jahr als lektor in kairo.

genug der trockenen materie, jetzt geht es ans festessen: es hat wohl schon über 50 grad in den autos, obwohl sie im schatten geparkt waren. wir schieben uns zwischen dem stärksten verkehr des tages an der corniche entlang, fahren über die nilbrücke nach neu-minia und betreten den militärclub am ufer des nils. eine weiträumige, luxuriöse anlage, durch die wir nur in der gnadenlosen frühnachmittagssonne zum restaurant schreiten.

dort wird in der lobby gewartet. ich warte am dringendsten auf meinen abteilungsleiter, denn er hat noch zigarretten, ich aber nicht mehr. er kommt aber wirklich erst knapp vor dem essen. zum essen bekommen die honoratioren (die verteidigungs-profs) einen eigenen tisch, an den sie wie präsidiumsmitglieder nebeneinander sitzen. sonst ist wenig hierarchische einteilung zu bemerken, dafür geschlechtertrennung: es gibt frauen- und männertische. ich sitze mit der mutter der kandidatin und der kandidatin selbst. es wird gegessen, reichlich und vom besten, denn es ist ein festtag. will jemand wirklich das besteck weglegen, wird er nachdrücklich aufgefordert, noch ein bisserl zu essen. ich lasse trotz allem ein paar stückchen kebab über, weil ich sonst die ausgezeichnete crème caramel nicht mehr vernaschen könnte, und um die wär es wirklich schade gewesen.

plötzlich springt mein abteilungsleiter auf. da wir den gleichen zug gebucht haben, springe auch ich und verabschiede mich hastig. ich finde ihn in der lobby wieder, wo er jede menge titelblätter der soeben verteidigten magisterarbeit unterschreibt. 10 minuten vor abfahrt des zuges fahren wir dann wirklich los, und sind tatsächlich noch vor der offiziellen abfahrtszeit am bahnhof. der zug hat glücklicherweise auch nur wenig verspätung, sodass wir um 1/2 9 uhr abends wieder in kairo sind.

es ist immer noch heiss, aber nicht mehr so sehr. ich stelle mich unter die dusche und nicke dann über einem buch ein, bevor meine haare noch ganz trocken sind.